| aus Labyrinth 56, April 98 |
Interview mit Ellen Winner
Am 27. Januar stellte Ellen Winner im Rahmen einer
Veranstaltung mit dem Klett-Verlag, der Ev. Akademie Bad Boll und dem Regionalverband
Baden-Württemberg ihr Buch "Hochbegabt" vor.
Annette Heinbokel interviewte die Autorin während
ihres Aufenthaltes in Bad Boll.
Psychologen und Lehrer, die sich für Hochbegabung interessieren, wurden häufig durch ein besonderes Kind oder ein Ereignis auf die Idee gebracht, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Was veranlaßte Sie, in diesem Bereich zu forschen?
Als Psychologin habe ich mich viele Jahre mit der Entwicklung musikalisch und künstlerisch begabter Kinder beschäftigt. Die Auseinandersetzung mit dieser Domäne führt irgendwann automatisch dazu, daß man auf Spitzenbegabungen in beiden Bereichen trifft. Außerdem fiel mir auf, daß es wesentlich mehr Untersuchungen über die negativen Aspekte von Entwicklungen, über Behinderungen gibt, mein Interesse weckten die positiven Aspekte von Entwicklung. Hinzu kommt vielleicht zusätzlich noch, daß ein Onkel und eine Tante von mir in den USA eigene Schulen gründeten und ich die Schulen schon als Kind kannte(1). Bewußt hat mich das nicht beeinflußt, aber vielleicht spielte es unbewußt eine Rolle.
1 Max Bondy gründete Marienau bei Lüneburg, bevor er Ende der 30er Jahre auswandern mußte und in den USA erneut eine Schule gründete. Annemarie Roeper gründete zusammen mit ihrem Mann die Roeper City and Country School, eine Schule für Hochbegabte. Die Schule gibt seit Ende der 70er Jahre den Roeper Review heraus, eine der bekanntesten Zeitschriften zum Thema Hochbegabung in den USA. Ich (A.H.) kenne Annemarie Roeper von Vorträgen auf den Weltkongressen des WCGTC. Ein besonderes Anliegen war ihr, daß hochbegabte Kinder und Jugendliche ihre Fähigkeiten sinnvoll einsetzen und sich verantwortlich fühlen.
Ihre Defintion von Hochbegabung lautet etwas anders als in den bisher veröffentlichten Büchern. Wodurch zeichnen sich Hochbegabte Ihrer Meinung nach besonders aus?
Für mich unterscheiden sich Hochbegabte in drei Bereichen von anderen Kindern.
An erster Stelle steht die Frühreife. Ihre Fähigkeiten entwickeln sich deutlich früher, auch die Sprachentwicklung, und sie machen schneller Fortschritte. Sie meistern die Domäne, an der sie ganz besonders interessiert sind, früher. Das ist z.B. an den Äpfeln zu sehen. Ich habe einen zweijährigen Jungen gebeten, einen Apfel zu malen, und er machte einen Strich. Und als ich ihn um noch einen Apfel bat, machte er wieder einen Strich. Das ist normal für Zweijährige. Die Äpfel, die Ryan Sullivan malte, sind dagegen typisch für einen hochbegabten Zweijährigen, er ist seinem Alter weit voraus.
Sie halten sich außerdem konsequent an ihr eigenes Drehbuch ("they are marching to their own drummer"), sie lernen auf ihre ganz eigene Art und sind nur schwer zu beeinflussen. Sie verfolgen sehr hartnäckig ihre eigenen Ideen, und sie brauchen nur sehr wenig Hilfe und Anleitung, sie bringen sich fast alles selbst bei. Sie erfinden ihre eigenen Regeln für ihre Domäne, und sie lösen Probleme mit eigenen Methoden.
Der dritte Punkt ist eine "wütende Wißbegierde", sie haben ein starkes intrinsisches Interesse, einen Bereich zu beherrschen. Sie sind deshalb auch oft nur schwer zu beeinflussen. Sie folgen mit Besessenheit ihren Interessen, sie haben den leidenschaftlichen Wunsch, eine Sache zu beherrschen. Sie erleben flow (2), wenn sie mit dem Erlernen ihrer Dömäne beschäftigt sind.
2 Der Ausdruck flow wurde von Mihaly Csikszentmihaly geprägt. Es ist ein optimaler Erlebniszustand, eine Art Lustgefühl, wenn eine Aktivität (Bergsteigen, Schachspielen, eine schwierige Operation) so gut läuft, daß alles um einen herum in Vergessenheit gerät. (s. Labyrinth 54, S. 13)
Es gibt also in dreifacher Hinsicht einen qualitativen Unterschied zwischen hochbegabten Kindern und solchen, die durch ihre Eltern viel Anregung und Unterricht bekommen und dadurch viel erreichen und gute Musiker oder Schachspieler oder Mathematiker werden.
Wie sollten schulische Programme aussehen, die für Hochbegabte befriedigend sind?
In den USA ist das schulische Niveau im allgemeinen sehr niedrig. Europäer, die einige Zeit an einer amerikanischen high school verbringen, sind in der Regel entsetzt über das niedrige Niveau. Zum einen sollte das Niveau ganz allgemein angehoben werden, das würde dann schon vielen - auch hochbegabten - Kindern zugute kommen. Zum anderen sollte die Gruppenbildung beim Lernen nicht nach dem Alter erfolgen, sondern die Kinder sollten nach Fähigkeiten und Interessen eingeteilt werden. Dann könnte auch ein höchstbegabter Sechsjähriger mit sehr viel älteren Kindern Mathematik lernen, aber in anderen Bereichen, in denen er nicht ganz so weit entwickelt ist, mit Kindern lernen, die seinem Alter oder seinen Fähigkeiten in dem Bereich näher sind.
Und wie sollte die Einteilung dieser Lerngruppen erfolgen?
Man sollte sich nicht zu sehr auf Intelligenz-Tests verlassen und sie nicht zu wichtig nehmen. Intelligenztests erfassen immer nur einen kleinen Bereich. Statt dessen sollte man die Kinder beobachten. Die Kinder sollten von den Lehrern Material bekommen, das sie herausfordert. Dann sollten die Lehrer beobachten, wie sie damit zurechtkommen und ihnen danach neues Material anbieten. So könnten Gruppen nach Leistung und Interesse gebildet werden. Die meisten guten Lehrer machen das ja heute auch schon ganz selbstverständlich innerhalb des normalen Unterrichts, sie bilden z.B. beim Lesen Gruppen auf unterschiedlichem Niveau, es ist Differenzierung, aber sie nennen es nicht Differenzierung nach Leistung. Diese Differenzierung sollte nicht nur in einer Klasse erfolgen, sondern auch außerhalb.
In Deutschland unterscheiden wir zwischen innerer und äußerer Differenzierung. Es gibt Auseinandersetzungen zwischen denjenigen, die innere Differenzierung für notwendig, auch für "politisch korrekt" halten und denjenigen, die nach der Grundschule für äußere Differenzierung eintreten. Sie plädieren also auch für äußere Differenzierung?
Ja sicher. Wenn äußere Differenzierung so zu verstehen ist, daß Kinder, die auf der gleichen Entwicklungsstufe stehen und die gleichen Interessen haben auch zusammen unterrichtet werden, dann halte ich das für besser.
In Deutschland geht eine pädagogische Tendenz dahin, alle Kinder zu integrieren, d.h. alle Kinder, natürlich auch behinderte und hochbegabte, werden gemeinsam in einem Klassenraum unterrichtet. Wie sieht es damit in den USA aus?
Wir nennen es nicht "integration", sondern "inclusion", denn der Ausdruck Integration bezieht sich in den USA immer auf die Integration von Schwarzen und Weißen. - Auch in den USA ist die Tendenz, alle Kinder möglichst gemeinsam zu erziehen, sehr stark, das ist auch bei uns "politisch korrekt". Häufig wird auch die Meinung vertreten, es gäbe eigentlich keine hochbegabten Kinder - alle Kinder hätten Talente - , oder es wird gesagt, es gäbe sie zwar, aber sie hätten keine besonderen Bedürfnisse. Der Schulleiter an der Schule meines Sohnes ist sehr ärgerlich, daß ich dieses Buch geschrieben habe. Es gibt keine Angebote für Hochbegabte an der Schule, für ihn gibt es eigentlich keine hochbegabten Kinder. Als ich auf die Interessen und Fähigkeiten von Stephen hinwies - das ist der Junge aus dem Anfangskapitel, der die Schule meines Sohnes auch besucht und der während eines Konzerts die Partitur mitlas - sagte er: "Ach, Stephen, ja der ist natürlich hochbegabt."
Manchmal habe ich den Eindruck, daß hochbegabte Kinder in kleinen Schulen auf dem Lande besser aufgehoben sind, wo individuell auf die Bedürfnisse der Kinder eingegangen wird, als in großen städtischen Schulen, wo versucht wird, ganz besonders politisch korrekt zu sein. Das kann bedeuten, daß man hochbegabten Kindern nicht gerecht wird.
In Ihrem Vortrag sagten Sie, daß Sie Akzeleration nicht für eine besonders gute Form der Förderung halten...
Das ist ein Mißverständnis, was ich meinte, war, daß extreme Akzeleration, also um mehrere Jahre, belastend für hochbegabte Kinder ist, wenn sie mehrfach überspringen und allein unter wesentlich älteren Mitschülern sind. Eine geringe Akzeleration, d.h. die frühe Einschulung oder das Überspringen einer Klasse ist für diese Kinder positiv, das zeigen auch zahlreiche Untersuchungen, das ist selbstverständlich richtig.
Warum stößt die Förderung von hochbegabten Kindern fast weltweit auf so heftige Ablehnung?
Das hat verschiedene Gründe. Zum einen gibt es eine anti-intellektuelle Strömung in der amerikanischen Gesellschaft. Hinzu kommt meiner Ansicht nach eine Mischung aus Angst und Neid. Wenn ich sage, daß jemand intellektuell hochbegabt ist, dann muß ich ja gleichzeitig sagen, daß jemand anders weniger oder nicht begabt ist, und das ruft sowohl Angst als auch Neid hervor. In einigen Domänen wie z.B. Sport, Malerei und Musik ist das anders, es ist relativ leicht, zuzugeben, daß man nicht so sportlich oder unmusikalisch ist. Das gehört nicht zu den Dingen, die alle können müssen, es ist keinen Schande, in diesen Bereichen nicht so gut zu sein, und wir finden weniger Feindseligkeit gegenüber Kindern mit besonders guten Leistungen in diesen Domänen. Aber z.B. in Mathematik ist das anders.
Sehr hohe Leistungen in einem besonders frühen Alter werden auch in bezug auf die Zukunft in unterschiedlichen Bereichen unterschiedlich bewertet. Die meisten Sportler wissen, daß es für sie mit dreißig vorbei ist, daß sie ihre Höchstleistung in sehr jungen Jahren bringen und später etwas anderes tun müssen, sie sind darauf vorbereitet.
In der Musik und in der Malerei, bei Künstlern ist das anders. Kinder, die in jungen Jahren Spitzenleistungen brachten, müssen sich als Erwachsene neu definieren, um immer noch an der Spitze zu sein. Jedes "Wunderkind" ist irgendwann ein Ex-Wunderkind. Wenn es mit zwanzig noch genau spielt und genauso so gut ist wie mit zehn, dann ist das nichts Besonderes mehr. Musiker, die das nicht schaffen, werden vielleicht gute Musiklehrer oder gute Orchestermusiker, aber das wird nach einer Karriere als "Wunderkind" als Abstieg erlebt.
Gerade im Bereich der Musik lesen wir immer wieder von "Wunderkindern", die sehr früh ein sehr hohes Niveau erreichen und öffentliche Konzerte geben...
Ich halte nichts davon, Kinder zu früh auf die Bühne zu stellen und zu "Wunderkindern" zu machen, es ist oft nicht förderlich für die Entwicklung ihrer gesamten Persönlichkeit. In den USA erleben wir das zur Zeit besonders in der Musik bei einer Reihe von koreanischen Eltern.
Wir haben den Eindruck, daß die schulische Situation für hochbegabte Kinder in den USA wesentlich günstiger ist als hier in Europa oder speziell in Deutschland. Können Sie das bestätigen?
Meiner Ansicht nach täuscht dieser Eindruck. Es kommt in der Aus- und Weiterbildung viel zu wenig vor (3). In den allgemeinen pädagogischen und psychologischen Zeitschriften ist Hochbegabung nur selten ein Thema. Hochbegabung kommt eigentlich nur in Spezialzeitschriften vor, wie z.B. Gifted Child Quarterly und dem Roeper Review. In vielen Bundesstaaten und Städten werden Programme für Hochbegabte abgeschafft. Das hängt unter anderem damit zusammen, daß erkannt wurde, daß nicht alle Begabungen von Intelligenztests erfaßt werden. Deshalb argumentieren Lehrer und Verwaltungsbeamte, daß alle Kinder Begabungen haben und alle Kinder gefördert werden müssen, und deshalb werden Spezialprogramme für Hochbegabte abgeschafft.
3 Auf dem 12. Weltkongreß für begabte und talentierte Kinder in Seattle wurde von einer Umfrage in einem amerikanischen Bundesstaat berichtet. Gefragt war, ob das Thema Hochbegabung in der Aus- oder Weiterbildung der Lehrer vorgekommen sei. 60% antworteten, sie hätten noch nie von dem Thema gehört.
Sie unterscheiden in Ihrer Arbeit zwischen hochbegabten und höchstbegabten, diejenigen, die eine Domäne besonders gut meistern und diejenigen, die sie tatsächlich verändern. Sollte sich die Art der Förderung unterscheiden?
In den USA sind diejenigen Programme, die es überhaupt gibt, für leicht hochbegabte Kinder geeignet. Es handelt sich weitgehend um sogenannte Enrichment- oder auch Pull-out-Programme. Die Kinder werden für ein oder zwei Stunden pro Woche aus dem normalen Unterricht herausgenommen und bekommen ein Zusatzangebot, aber die Angebote sind nicht auf bestimmte Bereiche der Begabungen ausgerichtet. Das Auswahlverfahren - zum Teil entscheiden Intelligenztests, zum Teil die Lehrer der Kinder über die Aufnahme - bedeutet, daß in diesen Stunden nur allgemeine Themen abgehandelt werden. In der übrigen Zeit lernen die Kinder auf einem Niveau, das weit unter ihren Fähigkeiten liegt. Das ist für Höchstbegabte ganz sicher nicht ausreichend.
Was können Eltern tun, um ihr Kind richtig zu fördern, die richtige Schule für ihre hochbegabten Kinder zu finden?
Eltern von extrem hochbegabten Kindern sollten versuchen, eine Schule zu finden, die auf die Bedürfnisse dieser Kinder zugeschnitten ist.
Da diese Kinder ja sehr selten sind, stelle ich mir das extrem schwierig vor, ganz besonders auf dem Lande; es bedeutet, daß diese Kinder fast immer in ein Internat müssen, weil es nur wenige von ihnen gibt. Und Kinder im Grundschulalter kann man sicher noch nicht in ein Internat schicken...
Ja, das ist richtig; für diese Kinder und Eltern ist die Situation besonders schwierig. In den USA gibt es die Möglichkeit, Kinder aus der Schule zu nehmen und es privat zu unterrichten, es gibt Fernschulen, bei denen man Material bekommt. Auch das Überspringen von ein oder zwei Klassen kann helfen, oder die Familie hat Glück und findet eine Schule, in der das Kind sein Lerntempo selbst bestimmen darf.