| aus Labyrinth 59, Feb 99 |
Über Kinder und Jugendliche (Folge 34): Laura und Felix
Anpassung und Linkshändigkeit
Unsere Tochter Laura (11 Jahre alt) war von Geburt an sehr ernst, aufmerksam und vernünftig. Von Anfang an litt sie unter einer Allergie, die sich im Laufe der Kindergar-ten- und Schulzeit verschlimmerte. Es kam ganz darauf an, wie gut es ihr ging.
Mit elf Monaten konnte sie allein laufen, drei Monate später auch krabbeln. Mit einem Jahr sprach sie so gut, daß sie bereits Gespräche führen konnte. Mit knapp zwei Jahren war sie aus eigenem Willen sauber – auch nachts. Laura lehnte Spielgruppen völlig ab. Am liebsten war sie mit Erwachsenen zusammen. Dieses Verhalten kam uns merkwürdig vor. Wir schoben das damals einer Kopfverletzung zu, die sie sich bei einem Unfall zugezogen hatte. Je älter Laura wurde, desto ernster und vernünftiger wurde sie auch.
Unser Sohn Felix (9 Jahre alt) wurde geboren, als Laura knapp zwei Jahre alt war. Sie war eine sehr fürsorgliche Schwester und neuerdings auch Puppenmutter einer Puppe, die sie bis heute über alles liebt. Felix war ganz anders als seine Schwester. Er war ein sehr lautes Baby und hat viel geschrien. Er konnte mit eineinhalb Jahren laufen und begann zur gleichen Zeit (nach einer Operation an beiden Ohren) auch zu sprechen. Seit Beginn des zweiten Schuljahrs hat Felix sporadisch eine Allergie.
Mit drei Jahren fragten beide Kinder nach Zahlen und Buchstaben. Diese Fragen haben wir nicht beantwortet, sondern beide auf die Schule vertröstet. Laura hat so lange allein getüftelt, bis sie etwas schreiben konnte. Felix hat Autokennzeichen und Schilder abgeschrieben. Beide Kinder haben sich viel miteinander beschäftigt, waren glücklich und zufrieden.
Mit Beginn des Kindergartens war es mit der häuslichen Harmonie vorbei. Laura ging nur aus Pflichtbewußtsein, fand es dort sehr langweilig, wurde zu Hause immer aggressiver. Im Kindergarten war sie sehr lieb. Die Allergie verschlimmerte sich. Die Erzieherinnen empfahlen uns eine vorzeitige Einschulung. Bereits nach den ersten Buchstaben, die sie in der Schule gelernt hatte, begann sie, Bücher zu lesen. Es war eine Strafe für sie, wenn wir meinten, sie bräuchte mal etwas frische Luft. Laura war beliebt in ihrer Klasse. Sie hat den anderen Kindern immer geholfen, wenn sie mit ihren Aufgaben fertig war. Von der Lehrerin hat sie Zusatzaufgaben bekommen, was wir aber erst Ende des zweiten Schuljahrs erfuhren. Klagen über Kopf- und Bauchschmerzen häuften sich.
Felix wollte gar nicht in den Kindergarten gehen. Er war vorher immer sehr laut und agil. Wir mußten ihn wegen seiner „tollen“ Ideen ständig im Auge behalten. Mit Beginn des Kindergartens wurde er immer verträumter und langsamer. Er begann, fast jede Nacht einzunässen. Zu Hause lag er viel herum und jammerte vor sich hin. Die Kindergartenleiterin war mit Felix sehr zufrieden. Er war dort ein sehr ruhiges Kind, spielte vier Stunden lang still vor sich hin. Den einzigen Spaß, den er im Kindergarten hatte, war jede Woche eine Stunde musikalische Früherziehung .
Zu diesem Zeitpunkt wurden wir auf eine Hochbegabung unseres Sohns hingewiesen. Glauben konnten wir das bei seinem Verhalten nicht. Wir haben aber trotzdem beide Kinder testen lassen. Felix hat den Test verweigert. Laura hat der Test - für sie war es damals Rätselraten - sehr viel Spaß gemacht. Um ihr hinterher zu erklären, warum sie dieses Rätselraten überhaupt gemacht hat, sagten wir ihr, daß es Leute gäbe, die es in den Beinen hätten und deshalb gut Fußball spielen könnten. Sie hat den Gedanken vollendet:
„Und dann gibt es Leute, die haben es im Kopf, können gut denken und so eine bin ich!“
Laura war damals sieben Jahre alt. Uns machte sehr betroffen, als sie uns sagte, daß sie bisher immer dachte, sie wäre krank, weil sie nicht so ist wie die anderen Kinder.
Im 3. Schuljahr bekam Laura eine neue Lehrerin, die Laura überhaupt nicht verstand. Außerdem gab es keine Zusatzaufgaben mehr. Sie mußte Bilder malen, wenn sie fertig war. Auf Anraten der Rektorin übersprang Laura eine Klasse. Auf einmal hatten wir eine glückliche, zufriedene, liebe Tochter. Doch nach eineinhalb Wochen war das wieder vorbei. Laura hatte das fehlende Jahr Mathematik in 20 Min. nachgeholt, in Deutsch gab es nichts nachzuholen. Die Lehrerin in diesem 4. Schuljahr war zuerst gar nicht begeistert, ein achtjähriges Kind in ihrer Klasse zu haben. Das änderte sich nach der ersten Woche. Die beiden mögen sich auch heute noch.
Das 5. Schuljahr begann für Laura mit Latein. Diese Schule wurde vom Kultusministerium für Hochbegabte empfohlen. Die Erwartungshaltung der Lehrer gegenüber unserer Tochter war sehr groß. Mit der Schule hatten wir nicht über Hochbegabung gesprochen, wurden aber von den Lehrern gefragt, warum Laura nicht nur Einsen schriebe. Ich nahm Kontakt zum Direktor auf. Er zeigte Interesse, und ich besorgte ihm Unterlagen über Hochbegabung. Im 2. Halbjahr gab es Schwierigkeiten zwischen Lehrer und Eltern, die auch auf dem Rücken der Kinder ausgetragen wurden. Zu diesem Zeitpunkt wurde mir bekannt, daß Hochbegabung an dieser Schule kein neues Thema war und daß kurz vorher ein begabtes Kind, das schlechte Noten schrieb, von der Schule gehen mußte. Bis Ostern war Laura psychisch krank, sie wollte nicht mehr leben, ständig Tränen wegen der Schule, sie schrieb Fünfen. ... Wir Eltern wußten nicht mehr weiter.
Ich suchte eine neue Schule. Laura besuchte jetzt eine bilinguale Klasse und mußte ein Jahr Französisch nachholen. Es machte ihr Spaß, so schnell arbeiten zu können, wie sie wollte. In drei Wochen war sie auf dem Stand der Klasse. In dieser Schule fühlte sich Laura sehr wohl. Sie schrieb wieder gute Noten, war mit den Lehrern zufrieden. Obwohl es langweilig war, ging es ihr gut. Lauras hochbegabter Freund von dem anderen Gymnasium hatte die Schule verlassen müssen und ging ins Ausland. Dieses Schuljahr hätten wir unserer Tochter gern erspart.
Im Sommer sind wir in ein anderes Bundesland gezogen. Von der Umgebung und den Menschen gefällt es uns hier sehr gut. Laura ist in die 7. Klasse gekommen. Da es in der Nähe keine Schule gibt, die mit Französisch beginnt, mußte sie Englisch nachholen. Bis auf ihr Lieblingsfach Mathematik kommt sie gut zurecht. Sie sehnt sich sehr nach ihrer letzten Schule zurück. Am liebsten würde sie jedes zweite Schuljahr überspringen, um ganz schnell mit der Schule fertig zu werden. Ihr liebster Ausgleich ist nach wie vor Lesen und ihr Instrument.
Im Sommer 1995 kam Felix in die Schule. Ich hatte Kontakt zur Grundschulrektorin aufgenommen. Sie war sehr interessiert, hat sich zum Thema Hochbegabung weitergebildet und hilft heute noch begabten Kindern und deren Eltern.
Felix hatte im Laufe des ersten Schuljahres einen Nervenzusammenbruch. Wir haben ihn nochmal testen lassen, auch er ist hochbegabt. Alle Versuche, Felix aus seiner Träumerei, seiner Unzufriedenheit herauszuholen, blieben ohne Erfolg. Selbst, als er eine Klasse übersprang, änderte sich sein Verhalten nicht. Am schlimmsten waren die Hausaufgaben, für die er oft den ganzen Nachmittag, manchmal auch noch den Abend brauchte. Das einzige, was ihm Spaß machte, war spielen und sein Instrument. Ich war ziemlich sicher, daß Felix Problem nicht nur Hochbegabung sein konnte. Wie der Zufall es wollte, sollte ich das auch bald herausfinden.
Im Frühjahr 1997 bei einem internationalen Camp für Hochbegabte ergab sich folgendes: Die Tochter des Gastgebers begleitete das Abendessen mit einem wundervollen Geigenspiel. Als ich sie danach beim Essen beobachtete, dachte ich, ich sehe Felix vor mir. Ein Gespräch mit ihrem Vater ergab, daß sie eine umgeschulte Linkshänderin ist. Die Probleme, die sie hatte, ähnelten Felix sehr. Ich wollte mehr darüber erfahren. Also machte ich mich in Deutschland auf die Suche nach einer Beratungsstelle für umgeschulte Linkshänder. Nach einem knappen Jahr hatte ich Erfolg. Die Informationen über umgeschulte Linkshänder verblüfften mich, sie paßten haargenau auf Felix. Allerdings entsprachen die beschriebenen Merkmale auch genau denen der Hochbegabung.
Da Felix mehrere Dinge mit beiden Händen kann und wir ihm nie gesagt hatten, daß er die rechte Hand benutzen sollte, ließen wir ihn auf Linkshändigkeit testen. Dabei stellte sich heraus, daß er ihm unbekannte Tätigkeiten mit links machte. Je unkonzentrierter und schneller er etwas tat, desto öfter benutzte er seine linke Hand.
Von der Beratungsstelle bekam Felix Hausaufgaben: Er sollte täglich Schwungübungen mit der linken Hand machen und dabei beobachten, wie er sich fühlt. Jedesmal, wenn Felix seine Schwungübungen malte, war er plötzlich fit und sehr kreativ. Leider hielt diese Reaktion nur eine halbe Stunde an. Trotz dieser positiven Reaktion unternahmen wir erstmal nichts. Es war ja nicht nur eine schwierige Entscheidung, sondern auch ein gravierender Einschnitt in Felix Leben.
Das 4. Schuljahr verlief für Felix sehr schwierig. Seine Lehrerin und er verstanden sich überhaupt nicht, die Konzentration ließ mehr und mehr nach. Er konnte manchmal nicht mehr rechnen und machte in Deutsch nur noch Fehler - ähnlich einem Legastheniker.
Nach unserem Umzug begann für Felix das 5. Schuljahr, auf das er sich riesig freute. Nach kurzer Zeit traten die Schwierigkeiten, die er in der 4. Klasse hatte, noch massiver auf. Wir haben uns mit Felix gemeinsam entschlossen, daß er sich auf seine linke Hand zurückschult - natürlich mit fachlicher Unterstützung. Das erste positve Erlebnis hatte Felix bereits. Seit dieser Entscheidung hat er nicht ein einziges Mal eingenässt.
Möglicherweise muß Felix aufgrund des langsamen Schreibens eine Klasse wiederholen. Die Schule reagierte bei einem ersten Gespräch sehr positiv.
Ende 1998 haben wir mit der Rückschulung begonnen. Felix machte zunächst nur Schwung- und Nachspurübungen. Er wurde fröhlicher, agiler, konnte sich besser konzentrieren und erinnern. Die nächsten drei Klassenarbeiten waren eine Note besser (in Deutsch sogar zwei Noten). Die Rchtschreibfehler wurden weniger. In den Weihnachtsferien begann Felix, mit links zu schreiben. Er kann in der Schule noch nicht alles mitschreiben, weil es zu langsam geht. Die Hausaufgaben erledigt er allein, ohne zu murren, ohne den Ärger, den wir immer damit hatten.
Mittlerweile ist Felix nur noch fit, mit Mund und Körper immer in Bewegung. Uns wundert, woher er die Kraft und die Motivation nimmt, den ganzen Tag über ohne eine Ruhepause auszukommen. So wie Felix uns vorher durch seine Jammerei genervt hat, so nervt er jetzt durch seine Aktivität, Ausgelassenheit. Wie lange seine Rückschulung dauern wird und wie es weitergeht, weiß niemand. Jede Rückschulung ist ein neues Experiment.
Name und Anschrift sind der Redaktion bekannt
Wenn Sie insbesondere wegen der Linkshändigkeit mit der Familie in Kontakt treten möchten, wenden Sie sich bitte an Labyrinth@dghk.de.