Berlin/Brandenburg

Handlungsbedarf?

Wenn eine Hochbegabung festgestellt oder aufgrund des Verhaltens angenommen wird, sind Eltern oft zunächst einmal verunsichert. Wie geht man mit einem solchen Kind um, wie wird man ihm gerecht?

Mädchen am MikroskopWenn eine Hochbegabung festgestellt oder aufgrund des Verhaltens angenommen wird, sind Eltern oft zunächst einmal verunsichert. Wie geht man mit einem solchen Kind um, wie wird man ihm gerecht? Hierzu ein Interview vom 30.11.2011, das in der Zeitung Potsdamer Neueste Nachrichten erschien.

Förderung statt Frust

Bettina Zydatiß von der Berliner Begabten-Beratung über die richtigen Lernstrategien für junge Einsteins

Frau Zydatiß, wann ist ein Kind hochbegabt?

Hochbegabung beschreibt das Potenzial zu besonderen intellektuellen Leistungen. Diese können jedoch erst in Wechselwirkung von Persönlichkeitsmerkmalen und sozialer Umwelt entwickelt werden. Ein Kind mit geistigem Potenzial entwickelt sich nur, wenn das Umfeld stimmt, sonst besteht die Gefahr, dass die Veranlagung verkümmert. Umgekehrt kann man durch tolle Förderung nicht bewirken, dass ein Kind hochbegabt wird.

Wie viele Kinder zählen zu dieser Gruppe?

Nach der Gaußschen Normalverteilung sind zwei Prozent der Gesamtbevölkerung überdurchschnittlich begabt. Sie sind mit einem gemessenen IQ ab 130 als hochbegabt definiert.

Wie merkt man als Eltern, als Lehrer, wenn ein Kind betroffen ist?

Hochbegabte Kinder sind oft selbstkritische Perfektionisten. In bestimmten Problemen gehen sie auf, bevorzugen unabhängiges Arbeiten. In der Sprachentwicklung sind sie Gleichaltrigen häufig voraus und suchen sich dann Freunde, die älter sind. Sie beschäftigen sich mit „Erwachsenen-Themen“, Recht und Unrecht, Religion, Philosophie, Politik, Umweltschutz. Autoritäten und fremde Meinungen werden eventuell kritisch hinterfragt.

Welche Konsequenzen hat das für Eltern und Lehrer im Umgang mit dem Kind?

Man kann so viel machen – Bücher kaufen, ins Museum gehen, ins Planetarium. Hochbegabte Kinder müssen dann vor allem in der Schule begabungsgerechte Aufgaben bekommen, die ihre Kapazitäten fordern. Wenn sie ohne sich zu bemühen durch die Grundschule gehen und gute Noten bekommen, haben sie häufig nicht das Lernen gelernt, da sie sich bis dahin wenig oder gar nicht anstrengen mussten. Das hat Auswirkungen auf ihre Motivation, ihr Lernstrategien, ihre Arbeitshaltung, ihr Selbstbild und nicht selten auch auf ihr Verhalten.

Wie kann sich das im Einzelfall äußern?

Grundsätzlich gilt: Diese Kinder erbringen nicht automatisch Hochleistungen! Hochbegabung ist nur ein Merkmal von vielen, das kann durchaus mit einer Lese-Rechtschreib-Schwäche oder einer Koordinationsstörung gekoppelt sein. Das zu erkennen ist oft schwierig, aber notwendig, um das Kind so zu fördern, zu unterstützen, wie es ihm gut tut. Ein Kind, das sich im Unterricht langweilt, weil es zum dritten Mal einen ähnlichen Arbeitsbogen ausfüllen muss, kann irgendwann frustriert und verhaltensauffällig werden, dazwischen quatschen, im Klassenraum herumlaufen, Dinge umherwerfen. Das kann bis zur Schulverweigerung führen.

Also sind die Lehrer in der Pflicht. Sind sie den Herausforderungen gewachsen?

Leider werden sie in der Regel während ihrer Ausbildung nur unzureichend darauf vorbereitet, auf das individuelle Kind einzugehen. Manchmal sind Sonderpädagogen da sogar einfühlsamer, weil sie das einzelne Kind differenziert betrachten. So ein Kind braucht unbedingt anspruchsvollere Aufgaben und darauf auch eine Rückmeldung, die Arbeit muss gewürdigt werden. Unterforderung kennen wir auch als Erwachsene; keiner will monatelang in einem Volkshochschulkurs für Anfänger sitzen, wenn er schon solide Grundkenntnisse hat. Der Unterschied ist: Wir können uns einen neuen, passenden Kurs suchen, das Kind nicht.

Gibt es genug Leistungs- und Begabungsklassen an den Schulen?

Es ist in der Tat manchmal nicht so einfach, einen Platz in solch einer Klasse zu bekommen. Die Schulen bevorzugen Hochleister, die gut funktionieren. Hinzu kommt, dass es für hochbegabte Kinder mitunter schwierig ist, den Test des Aufnahmeverfahrens zu bestehen, weil sie unkonzentriert, nicht organisiert genug sind oder zu kompliziert und dadurch langsamer denken.

Wo findet man Hilfe, wenn man mit der Situation nicht zurecht kommt?

Je eher man sich einen Ansprechpartner sucht, desto besser. Hilfe gibt es bei schulpsychologischen Beratungsstellen, Erziehungsberatungsstellen, notfalls auch bei Kinderpsychologen. Die Deutsche Gesellschaft für das hochbegabte Kind bietet kostenlose Telefonberatung sowie ein Kursprogramm für Kinder. Wir organisieren auch Eltern- und Lehrerstammtische, Veranstaltungen, Fortbildungen und Vorträge für Schüler, Eltern und Lehrer.

Die Fragen stellte Steffi Pyanoe