Berlin/Brandenburg

Mythen und Vorurteile

Mythen und Vorurteile über hochbegabte Kinder entstehen oft aus schlichtem Unwissen über Hochbegabung. Auf dieser Seite sollen nur einige der verbreiteten Mythen und Vorurteile genannt werden; die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.

Zwei Teilnehmer beim MikroskopierenMythen und Vorurteile über hochbegabte Kinder entstehen oft aus schlichtem Unwissen über Hochbegabung. Im Folgenden sollen nur einige der verbreiteten Mythen und Vorurteile genannt werden; die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.

  • Sogenannte Hochbegabung ist nur das Produkt überehrgeiziger Eltern. Nein: Hochbegabung hat, nach allem was man bisher weiß, eine sehr starke genetische Komponente. Ein durchschnittlich intelligentes Kind wird durch viel Drill vielleicht hervorragende Noten haben, das schnelle Begreifen komplexer Zusammenhänge oder eine originelle, korrekte Schlussfolgerung ist aber etwas Anderes.
    Und übrigens: In vielen Fällen versuchen Eltern aus Sorge um spätere Langeweile in der Schule sogar zu bremsen, das Kind auf später zu vertrösten, von allzuviel intellektuellen Interessen abzulenken – mit gar keinem oder nur sehr mäßigem Erfolg.

  • Hochbegabte sind ohnehin schon privilegiert, deshalb muss man sie nicht auch noch fördern. Nein: Wenn auf die Bedüfnisse von Hochbegabten dauerhaft nicht eingegangen wird, kann es passieren, dass sie auch die Leistungen nicht mehr erbringen, die von durchschnittlich oder „nur“ überdurchschnittlich Begabten erwartet werden. Dabei brauchen hochbegabte Kinder nicht unbedingt mehr schulisches Wissen, sondern eher ein anderes – stimulierendes und offeneres - Lernumfeld.
    Und übrigens: Empirische Befunde weisen darauf hin, dass die Kinder mit den besonders guten Schulnoten eher die überdurchschnittlich Begabten sind als die Hochbegabten.

  • Hochbegabte sind Problemkinder. Nein: Bei seriösen Untersuchungen fanden sich keine Hinweise darauf, dass überdurchschnittlich viele Hochbegabte psychische Auffälligkeiten oder mangelnde Sozialkontakte zeigen. Und selbst Underachiever sind den Experten zufolge nur 10-15% der Hochbegabten –wobei Schulleistungen, die stark unter den Möglichkeiten liegen, natürlich ohnehin nicht in jedem Fall ein Problem darstellen müssen.
    Und übrigens: Die Assoziation von „hochbegabt“ mit „problembehaftet“ mag daher kommen, dass häufig erst ein Problem die Eltern veranlasst, einen entsprechenden Test durchführen zu lassen.

  • Wenn hochbegabte Kinder früh in die Schule kommen/früh Lesen lernen,..., beraubt man sie eines Teils ihrer Kindheit. Nein: Hochbegabte Kinder empfinden es oft als Strafe, zum „altersgerechten“ Spiel gezwungen zu sein. Ebenso wie „Durchschnittskinder“ möchten sie sich mit dem beschäftigen dürfen, was sie interessiert – und das sind häufig nicht altersgemäße kognitive Themen. Ein Verzicht auf Früheinschulung bedeutet für sie nur, dass sie nicht in ihrem Tempo lernen dürfen.
    Und übrigens: Wenn im Kindergarten unglückliche hochbegabte Kinder dort noch ein Jahr bleiben, werden sie dadurch kein bisschen „kindlicher“ !

  • Wenn Kinder Klassen überspringen oder früh eingeschult werden,, bekommen sie zwangsläufig soziale Probleme, weil sie dann mit Älteren zusammen sind. Nein: Natürlich können hochbegabte Kinder soziale Probleme im Klassenverband mit Älteren haben. Da sie aber anders sind als andere, kann ihnen das genausogut in der Gruppe der Gleichaltrigen passieren. Letzten Endes muss bei einer asynchronen Entwicklung zwischen Psyche und Geist immer abgewogen werden, welche Altersreferenzgruppe die größeren Vorteile für das Kind bietet respektive das geringere Übel ist.
    Und übrigens: Ist schon je ein Kind nicht sitzengeblieben, weil es dann mit Jüngeren soziale Probleme geben könnte ?

  • Bevor das Kind eine Extraförderung bekommt, muss es erst an seinen Defiziten arbeiten. Richtig daran ist, dass auch hochbegabte Kinder besondere Schwächen haben können (s.o. auch die Ausführungen zu Teilleistungsstörungen etc.), und dass an diesen gearbeitet werden muss. Aber gleichzeitig hat das hochbegabte Kind wie alle anderen Kinder auch ein Recht darauf, seinen Fähigkeiten entsprechend zu lernen, nicht erst irgendwann in einer ungewissen Zukunft.
    Und übrigens: Feinmotorische Probleme etwa muss man nicht dadurch angehen, dass man endlose Reihen von immer gleichen Buchstaben oder Zahlen malt. Man kann auch die Stifthaltung oder was auch immer üben, indem man schwierige Rechenaufgaben löst oder eine Geschichte schreibt !

  • Hochbegabung beinhaltet auch ein besonders ausgeprägtes Gefühl für Ethik und Moral. Nein: Zwar gibt es viele hochbegabte Kinder mit einem ausgeprägten Gefühl für Gerechtigkeit. Hochbegabte sind aber keinesfalls die „besseren Menschen“. Kognitive Hochbegabung ist das, was der Intelligenztest misst – die Fähigkeit zu komplexen mathematischen Verknüpfungen etwa und das verbale Verständnis -, über Ethik und Moral sagt diese Messung aber nichts aus.
    Und übrigens: In der Geschichte finden sich eine Vielzahl von Persönlichkeiten, bei denen trotz ihres ausgesprochen unethischen Verhaltens eine sehr hohe intellektuelle Begabung angenommen werden kann.

Ulrike Wolf, DGHK-BB