Berlin/Brandenburg

Underachievement

Besteht zwischen der (hohen) Intelligenz und den (unterdurchschnittlichen) Leistungen eines Kindes eine frappierende Differenz – wenn also z.B., etwas salopp ausgedrückt, die Schulnoten nicht im mindesten auf besondere Begabung schließen lassen - , so spricht man von Underachievement. Experten schätzen, dass etwa 10-15% der Hochbegabten Underachiever sind.

Am MikroskopBesteht zwischen der (hohen) Intelligenz und den (unterdurchschnittlichen) Leistungen eines Kindes eine frappierende Differenz – wenn also z.B., etwas salopp ausgedrückt, die Schulnoten nicht im mindesten auf besondere Begabung schließen lassen - , so spricht man von Underachievement. Experten schätzen, dass etwa 10-15% der Hochbegabten Underachiever sind.

Ein Underachievement kann durch viele Faktoren bedingt sein. Logisch ergibt sich dieser Umstand schon aus den inzwischen gängigen mehrdimensionalen Hochbegabungsmodellen (vgl. „Was ist Hochbegabung“): Wenn sich Hochbegabung nur bei einem günstigen Zusammenspiel einer Vielzahl von Faktoren entfalten kann, so können ungünstige Konstellationen eben dieser Faktoren ein Underachievement erklären.

Sehr häufig fehlt hochbegabten Kindern für schulische Leistungen schlicht die Motivation, z.B. weil sie den Unterricht langweilig finden und in der Schule nicht genug gefördert werden. Es liegt in der Verantwortung der Lehrer und Erzieher, auch hochbegabten Kindern eine anregende Lernumgebung zu bieten. Viele Underachiever blühen auf, wenn sie mehr lernen und ihren „Kopf-Ferrari“ ausfahren dürfen.

Ein Underachievement kann auch entstehen, wenn ein hochbegabtes Kind nicht auffallen, nicht aus der Reihe tanzen möchte, z.B. aus Angst, als Streber zu gelten und dadurch die Freunde zu verlieren. Diese Reaktion wird insbesondere vielen hochbegabten Mädchen nachgesagt.

Nicht alle Probleme hochbegabter Kinder sind jedoch auch ursächlich mit der Hochbegabung erklärbar. Anders ausgedrückt: Hochbegabte Kinder können ebensosehr von einer Entwicklungs-, Verhaltens-, Lern- oder Leistungsstörung betroffen sein wie alle anderen Kinder auch. Das Spektrum dieser Störungen reicht von Legasthenie über schwere motorische Defizite, visuellen oder auditiven Wahrnehmungsstörungen bis hin zu emotionalen Problemen, und natürlich leidet auch die Leistungsbereitschaft hochbegabter Kinder bei gravierenden familiären oder sozialen Konstellationen. Ein Underachievement kann auch hier seinen Ursprung haben.

Eine besonders schwierige Kombination ist die zwischen Hochbegabung und dem Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom mit oder ohne Hyperaktivität (ADS bzw. ADHS). Leitsymptome dieses Störungsbildes sind Konzentrationsprobleme, Schwierigkeiten mit der Impulskontrolle sowie bei der ADHS noch die gesteigerte motorische Unruhe. In ihrer Gesamtheit ähneln diese Symptome, treten sie in Kombination mit einer Hochbegabung auf, oft denen, die durch lang andauernde, ständige Unterforderung hervorgerufen werden. Während dieses „Pseudo-ADS“ jedoch verschwindet, wenn die Anforderungen wieder steigen, bleiben die Probleme beim echten AD(H)S bestehen. Umgekehrt wird bei Hochbegabten ein echtes AD(H)S oft fälschlicherweise ausgeschlossen, weil hochbegabte AD(H)Sler sich durchaus eine lange Zeit auf – sie interessierende – Dinge konzentrieren können – sie „hyperfokussieren“ auf ihre Interessengebiete, sind aber – zum Unverständnis ihrer Umwelt- kaum in der Lage, uninteressante oder langweilige Routineaufgaben zufriedenstellend zu erledigen, ihre Impulsivität zu zügeln oder Handlungsroutinen altersgerecht zu planen.

Echte Teilleistungsstörungen – insbesondere ein echtes AD(H)S - können Eltern oder Lehrer ebensowenig zuverlässig diagnostizieren wie eine echte Hochbegabung. Besteht also ein entsprechender Verdacht, so ist dringend eine kompetente Beratung und Diagnostik durch auf dem Gebiet der mutmaßlichen Störung entsprechend spezialisierte Fachleute anzuraten. Kindern ist nicht geholfen, wenn alle Auffälligkeiten mit Unterforderung erklärt werden – ebensowenig wie ihnen geholfen ist, wenn ihre Hochbegabung mit Verweis auf ihre sonstigen Probleme nicht weiter beachtet wird.

Und Achtung: Zur Erklärung von Verhaltensauffälligkeiten bei sehr intelligenten Kindern kursieren eine Anzahl irrationaler Vorstellungen – angefangen von der Idee, dass die Verhaltensauffälligkeit das Ergebnis des Umstands sei, dass Eltern unbedingt ein hochbegabtes Kind „züchten“ wollen, bis hin zu eher abseitigen esoterischen Theorien, nach denen diese Kinder als „Indigo-“, „Kristall-„ oder „Sternenkinder“ beschrieben werden, deren – störende – Eigenschaften in Wirklichkeit als Ausdruck alter wiedergeborener Seelen gedeutet werden müssen, mit deren Hilfe die Welt gerettet werden kann. Auch mit solchen Erklärungsmustern ist den „Problemfällen“ unter den Hochbegabten natürlich nicht gedient, im Gegenteil.

Ulrike Wolf, DGHK-BB

 

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Achtung: Gerade zum Thema AD(H)S gibt es eine Vielzahl schlecht recherchierter und/oder eher ideologisch befrachteter, polemischer Webseiten. Empfehlenswert, da solide recherchiert, sind z.B.: